Gänsehaut, unglaublich, fassungslos, stolz, glücklich, utopisch, das Unmögliche möglich gemacht

Es gibt viele Worte, die am Sonntagnachmittag in der Arena Bakarni im bosnischen Brcko gefallen sind. Und alle der oben genannten haben eines gemeinsam: sie versuchen die Gefühlswelt von verschiedenen Menschen, von Spielerinnen über Funktionären bis hin zu den mitgereisten Fans, zu beschreiben. Die Gefühlswelt, die in diesem Moment geprägt ist von dem gerade erlebten, geprägt von einem schier nicht für möglich gehaltenen Spiel, dass die Frauen vom SKC Victoria Bamberg wenige Augenblicke vorher abgeliefert haben. Als absoluter Underdog gingen die Gelb-Schwarzen ins Finale der Ahlborn Champions League gegen die Kroatinnen vom KK Mlaka Rijeka, die am Tag zuvor mit einer absoluten Weltklasseleistung im Halbfinale ihre Stärke und Favoritenrolle demonstrierten. Doch dass auch das Finale gewonnen und vor allem Victoria Bamberg erstmal in die Knie gezwungen werden muss, sollten bockstarke Domstädterinnen die Kroatinnen im Laufe des Nachmittags schmerzhaft spüren lassen…

Doch beginnen wir zunächst von vorne: nach der kräftezehrenden Anreise am Freitag galt es für die Victorianerinnen über Nacht gut zu regenieren, das Halbfinale gegen Tatabanya wartete ja bereits am Samstag früh um 10 Uhr.  Mit dem Wissen des deutlichen Sieges beim NBC-Cup in München war auch hier der Finaleinzug das klare Ziel – und so sollte es auch kommen. Von vorne weg spielten die Gelb-Schwarzen einen Vorsprung heraus. Luisa Ebert gewann gegen Andrea Kozma souverän mit 3:1 SP und 609:600 Holz, Cornelia Hofmann führte gegen Kinga Nemeth bereits mit 2:0, verlor aber die letzten beiden Sätze und musste sich am Ende knapp mit 554:559 Holz geschlagen geben. Celine Zenker konnte durch ihr 3:1 SP mit 606:549 Holz gegen Krisztina Tokos für einen einigermaßen beruhigenden 61-Holz-Vorsprung nach dem ersten Durchgang sorgen. In zu großer Sicherheit durfte man sich jedoch nicht wiegen, hatten die Ungarn doch mit Anita Mehesz und Anita Safrany ihre Topspielerinnen für den zweiten Durchgang aufgehoben. Doch auch dieser Zahn konnte ihnen schnell gezogen werden. Alina Dollheimer spielte stark gegen Mehesz, die nach 71 Wurf durch Ildiko Balla ausgetauscht wurde. Das Duell ging mit 3:1 SP und 628:607 Holz an die Bambergerin. Alena Bimber stand mit Safrany die Herkulesaufgabe bevor, sie unterlag mit 0,5:3,5 SP und 586:642 Holz gegen die Partiebeste. Romy Joppert hatte gegen Csilla Csorba wenig Mühe, mit 3:1 SP und 598:504 Holz machte sie den Deckel drauf. Mit 6:2 und 3581:3461 Holz stand am Ende ein ungefährdeter Sieg und das Finalticket war gebucht, entspannt konnte nun das zweite Halbfinale zwischen Rijeka und Neunkirchen verfolgt werden.

Und das hatte es in sich und war vom sportlichen Niveau her keinesfalls mit dem eigenen Spiel gegen Tatabanya zu vergleichen. Neunkirchen startete mit zwei überragenden Ergebnissen (653 Holz von Hari und 675 Holz von Kozak) im ersten Durchgang, musste im zweiten aber den überragenden Kroatinnen nach zwei mal 650 Holz von Pejak und Polanscak und 630 Holz von Strelec Juvancic doch noch deutlich mit 2:6 und 151 Holz Rückstand den Vortritt lassen. Dabei spielten die Österreicherinnen mit 3640 Holz keinesfalls enttäuschend, die Kroatinnen brachten es am Ende jedoch auf unglaubliche 3791 Holz und zeigten dadurch eindrucksvoll ihre Extraklasse.

Mit dem Halbfinalergebnis katapultierte sich die mit sechs Nationalspielerinnen (4x Kroatien und 2x Slowenien) angetretene Mannschaft aus Rijeka logischerweise endgültig in die Favoritenrolle, lagen zwischen beiden Finalteilnehmern im Halbfinale doch mit 210 Holz Welten im Gesamtergebnis.  Dementsprechend waren die Rollen für das Finale am Sonntag klar verteilt, der SKC ging als krasser Außenseiter in die Partie und musste versuchen, die Kroatinnen irgendwie im Zaum zu halten. Nichtsdestotrotz konnte Bamberg aufgrund der durch die Halbfinalergebnisse manifestierten Erwartungshaltung befreit aufspielen. „Wir hatten nichts zu verlieren und ich glaube, dass wir mit diesem Mindset auf die Bahn sind“ verrät Luisa Ebert, die im Finale von Beginn an die Marschrichtung vorgeben sollte.

Bereits zu Spielbeginn war die Halle sehr gut gefüllt und es lag ein leichtes Knistern in der Luft, weil die Gelb-Schwarzen schon beim Einspielen einen sehr guten Eindruck hinterließen. Der SKC ging mit der gleichen Aufstellung ans Werk wie im Halbfinale, im ersten der beiden Durchgänge spielten Luisa Ebert gegen Tea Repnik, Cornelia Hofmann gegen Venesa Bogdanovic und Celine Zenker gegen Valentina Gal.  Der Start verlief direkt furios: 111, 107 und 97 erreichten die Gelb-Schwarzen in die Vollen, Rijeka nur 100, 113 und 79, sodass der SKC nach den ersten Vollen in Führung lag. Nachdem dann auch noch Ebert im Räumen drei 9er und eine 7 folgen ließ war klar, dass hier heute ein anderer Wind auf der Bahn wehen wird und die Kroatinnen sich den Titel auf keinen Fall im Vorbeigehen holen werden. Ebert gewann Satz 1 gegen Repnik mit 174:153, Hofmann verlor knapp gegen Bogdanovic trotz starker 158:163 und Zenker ging durch ein 159:151 gegen Gal in Führung. In Satz 2 legten die Domstädterinnen direkt nach und gewannen alle drei Sätze. Ebert (151:145) und Zenker (156:147) stellten auf 2:0, Hofmann glich mit einem 155:145 aus und lag nach der Hälfte der Partie plötzlich mit 313:308 Holz vorne. Folglich stand zur Halbzeit des ersten Durchgangs auf der Anzeige ein 5:0 für Bamberg – wer hätte sich das vor der Partie erträumen lassen? Und die Gelb-Schwarzen machten das einzig richtig: sie machten weiter und trieben die Partie nur in eine Richtung. Repnik spielte zwar starke 70 Abräumer, konnte sich aber recken und strecken wie sie wollte – es war gegen Ebert einfach kein Kraut gewachsen. Mit einem 169:162 machte sie den ersten Punkt für Bamberg klar. Ebenso Zenker, die durch ein 155:139 auch zum vorentscheidenden 3:0 kam. Lediglich Hofmann geriet durch ein 147:160 in Rückstand. Im Schlusssatz des ersten Durchgangs versuchte Mlaka den aus ihrer Sicht verkorksten Startdurchgang nochmals zu korrigieren. Bogdanovic gewann durch das abschließende 166:154 den Punkt gegen Hofmann (3:1 SP und 634:614 Holz) und Gal gewann den letzten Satz gegen Zenker knapp mit 148:144, der Punkt ging beim 3:1 SP mit 614:585 Holz trotzdem klar an den SKC. Weil Ebert auch im Schlusssatz weiter nachlegte und auch den vierten Satz mit 168:145 gewann, konnte die Victoria in allen vier Sätzen des ersten Durchgangs mehr Kegel spielen und so die Führung immer weiter ausbauen. Das Duell ging mit 4:0 SP und überragenden 662:605 Holz an Ebert, insgesamt lag der SKC völlig überraschend nach der Hälfte des Spiels mit 2:1 MP und 66 Holz in Führung.

Dass das Spiel trotzdem noch lange nicht entschieden war und die Kroatinnen im zweiten Durchgang weiter angreifen werden war klar, auch am Vortag lag Rijeka zur Hälfte der Partie gegen Neunkirchen zurück, um mit einem Feuerwerk zum Abschluss doch noch souverän ins Finale einzuziehen. Dafür griff der Trainer der Kroatinnen als alter Taktikfuchs – wie bereits am Vortag – wieder tief in die Trickkiste und setzte auf das übliche Blindstarter-Spielchen. Letztlich lauteten die Duelle im zweiten Durchgang Alina Dollheimer gegen Brigitte Strelec Jovancic, Alena Bimber gegen Sara Pejak und Romy Joppert gegen Paula Polanscak. Apropos Feuerwerk: Pejak mit 166 (nach 115 Volle) und Polanscak mit 175 (nach 114 Volle) zeigten direkt zu Beginn, dass das Spiel noch lange nicht durch ist. Pejak ging dadurch gegen Bimber (148) und Polanscak gegen Joppert (165)  in Führung, da aber Dollheimer gegen Strelec Juvancic mit 150:127 gewann, schmolz der Vorsprung nur um fünf Kegel auf 61 Holz. Im zweiten Satz lief es dann wieder besser für den SKC: Dollheimer erhöhte durch ein knappes 147:146 auf 2:0 gegen Strelec und Joppert glich mit einem 167:163 gegen Polanscak aus. Bimber verlor zwar gegen Pejak auch Satz 2 ganz knapp mit 152:155, der Vorsprung konnte aber wieder um zwei Kegel auf 63 Holz ausgebaut werden. Im dritten Satz machte Dollheimer gegen die stärker aufkommende Strelec durch ein 162:158 mit dem 3:0 zunächst den Satz zu und sicherte so das vorletzte Mosaiksteinchen, sodass der SKC „nur“ noch die Gesamtholz ins Ziel bringen musste. Joppert geriet gegen Polanscak zwar mit 1:2 ins Hintertreffen, verlor den Satz aber nur hauchdünn mit 154:155. Problematisch war eher, dass Pejak mit 176 die beste Einzelbahn des Tages aufs Parkett zauberte und gegen Bimber (145) 31 Holz aufholen konnte. So kamen die Kroatinnen noch mal auf Schlagdistanz (35 Holz) und ein hochspannender Schlusssatz sollte bevorstehen. Sowohl Dollheimer (90:98) als auch Bimber (98:108) mussten in die Vollen weiter Kegel abgeben, überragende 117 (vs. 106 von Polanscak) von Joppert sorgten aber dafür, dass der Vorsprung noch 28 Holz betrug. Zum Abschluss folgte noch ein Wechselbad der Gefühle. Es ging hin und her, kurzzeitig war der Vorsprung auf dem Totalisator auf 3!!! Holz zusammengeschmolzen. Doch die Victorianerinnen lieferten unter höchstem Druck. Polanscak spielte im 118 Wurf eine 9, die Joppert unmittelbar im 119 Wurf unter frenetischem Jubel ebenfalls mit einem Neuner konterte und somit abschließend nochmal aufs Vollebild kam. Unter Dach und Fach brachte den Sieg schließlich Bimber, die, als es nochmal drohte hauteng zu werden, im 118 und 119 Wurf zwei Neuner spielte und damit nicht nur den Sack zumachte sondern die Halle endgültig zur Explosion brachte. Mit einer abschließenden fünf von Bimber und einer drei ins Vollebild von Dollheimer wuchs der Vorsprung auf dem Totalisator vor dem letzten Wurf des Spiels von Strelec ins Vollebild auf 25 Holz an. Strelec spielte noch eine sechs zum Abschluss, sodass die Victoria das Spiel mit 3742:3723 Holz gewann.

Im Anschluss kannte der Jubel keine Grenzen mehr – der SKC hatte das Unmögliche geschafft und den haushohen Favoriten aus Rijeka bezwungen. Durch eine überragende Mannschaftsleistung, in der eine Spielerin für die andere in die Bresche gesprungen ist als es drauf ankam, konnten die Kroatinnen auf Platz 2 verwiesen werden. Von Beginn an zeigten die Domstädterinnen, was mit unbändigem Kampf, Leidenschaft und Willen erreicht werden kann; und sie zogen das über die gesamte Spielzeit hinweg so durch! Hochverdient konnten die Bambergerinnen bei der Siegerehrung ihre Medaillen entgegennehmen und den Pokal in die Luft strecken. Zahlreiche Glückwünsche zu dieser außergewöhnlichen Leistung erreichten die Gelb-Schwarzen aus der Kegelwelt und weit darüber hinaus in den folgenden Stunden.

Der statistischen Vollständigkeit halber: Satz 4: Dollheimer – Strelec 129:158; Bimber – Pejak 166:152; Joppert – Polanscak 167:168. Die Duelle im zweiten Durchgang endeten wie folgt: Dollheimer – Strelec 3:1 SP mit 588:589 Holz, Bimber-Pejak 1:3 SP mit 611:649 Holz und Joppert – Polanscak 1:3 SP mit 653:661 Holz.

Das sagen die Spielerinnen  selbst zu ihrem Erfolg:

Alina Dollheimer:

„Für mich der bisher unerwartetste Erfolg in der Champions League in meiner Zeit bei und mit der Victoria. Zwar konnten wir uns in den vorherigen Runden jeweils souverän gegen Nachod und Podbrezova durchsetzen, mit den drei weiteren Mannschaften im Final Four erwarteten uns aber keine unbeschriebenen Blätter. Das Halbfinale gegen Tatabanyia brachte die Fortsetzung des Finales aus dem NBC-Pokal im Oktober, welches wir erneut siegreich gestalten konnten. Im Finale kam es dann zum Duell gegen den Langzeit-Rivalen aus Rijeka, die im Halbfinale gegen Neunkirchen aus Österreich ein Mega Ergebnis abgeliefert hatten und damit ganz klar als Favorit ins Finale gingen. Was dann im Finale passiert ist, ist ein neues wunderbares Kapitel der Erfolgsgeschichte der Victoria. Ich bin unfassbar stolz auf die Leistung der Mannschaft und den großen Zusammenhalt. Ein großes Dankeschön geht an alle, die uns vor Ort und von zu Hause unterstützt haben, sowie dem Verein und den Sponsoren, die uns die Teilnahme an internationalen Wettbewerben ermöglichen!“

Romy Joppert:

„Für mich als „New Girl“ im Team war schon die Teilnahme am Final Four der Champions League ein absolutes Highlight. Im Halbfinale gegen Tatabanyia waren wir zwar dem Lautstärkepegel der gegnerischen Fans unterlegen, konnten aber spielerisch mit einem Sieg überzeugen. Im Finale gegen den Favoriten Rijeka wurden wir von unseren Fans und den Zuschauern über die Ziellinie getragen. Das scheinbar Unmögliche war plötzlich in Reichweite. Jede von uns hat mit Leidenschaft gekegelt und im Endspurt alles gegeben. Mit dem letzten Wurf brach der Jubel über uns ein und wollte kein Ende nehmen. Dieser gemeinsame Moment wird für immer bleiben!“

Luisa Ebert:

„Für mich war es das erste Mal Champions League und mir fehlen bisher immernoch die Worte. Das Halbfinale gegen Tatabanya war wie eine Art Déjà-vu, da wir die Begegnung bereits beim NBC-Pokal hatten. Mlaka Rijeka ist alles andere als ein leichtes Los im Finale, aber wer hat schon einen leichten Gegner in einem Champions League Finale? Durch das Halbfinale gegen Neunkirchen haben die Kroatinnen schon sehr gezeigt, was Sie in der Lage sind zu spielen. Wir hatten also nichts zu verlieren und ich glaube, dass wir mit diesem Mindset auf die Bahn sind.  Jede hat Wurf für Wurf gekämpft und ab Beginn war die Holzzahl auf unserer Seite und wir haben diesen Vorsprung nicht mehr hergegeben. Nicht immer gewinnt das leistungsstärkere Team, sondern das, was am besten zusammen funktioniert und harmoniert – genau das haben wir gezeigt.“

NUR DER SKC!